web2.0 Style
Dass man mit der Mode gehen solle, weil alles andere eine sinnlose Anstrengung bedeute, schrieb schon Hegel irgendwo. Diese Aussage trifft natürlich einiges. Außerdem will man ja nicht altbacken und rückwärts gewandt wirken. Deshalb bin ich fast auf jeden Fall dafür, neue Technologien zu nutzen, wenn sie Produktivkraftsteigerungen bedeuten oder einfach die Bandbreite der Ausdrucksmöglichkeiten vergrößern. Ein Beispiel ist Chat-Sprache. Viele Intellektuelle wenden sich gegen Abkürzungen wie "lol" für "laugh out loud", "afk" für "away from keyboard" und besonders gegen die Darstellung des emotionalen Subtextes durch Emoticons, also Smileys und Ähnliches. Die Kritik ist zumeist die, dass der Ausdrucksgehalt eines Textes niemals durch die mechanisch Kategorisierung in Smiley-Gruppen getroffen werden kann und dass statt dessen der Ausdruck aus der Konstellation heraus springen müsste. Dabei will man im Netz doch oft gar nicht viel mehr, als kurz und knapp einen ironischen Kommentar machen, dessen ironischer Unterton sich eben nicht immer durch ein kunstvoll produzierten Kontext erschließen soll, sondern ganz unmittelbar. Solche Kommentare ersetzen natürlich keine sorgsam gestrickten Texte, in denen der Gehalt aus der ästhetischen Form zu erschließen ist, sie sind aber schlicht ein *anderes* Mittel des Ausdrucks. Bei Menschen mit dem hehren Anspruch des Ausdrucks durch die ästhetische Form kommt es andersherum häufig vor, dass diese Menschen zwar aus Zeit- und Raummangel keine ästhetisch durchgestylten Texte schreiben, aber sich trotzdem weigern, Emoticons benutzen. Bei solchen Texten ist es dann kein Wunder, wenn zum Beispiel Ironie nicht erkannt wird, weil die Textgestalt sie nicht erschließen lässt. Deshalb noch einmal: Mittel sollten genutzt werden. Das gilt auch für viele neue Technologien, die unter das Label Web2.0 fallen, aber erst einmal eben für die Technologien, nicht für alles, wo Web2.0 drauf steht.
Bei dem aktuell angesagten Stil für Webseiten sieht das etwas anders aus. Dieser Stil ist häufig schlicht dem Inhalt nicht angemessen. Wo das Internet nicht als Verkaufs- oder Werbeplattform dient, sondern Inhalte vermittelt werden sollen, die irgendetwas mit der real world zu tun haben, geht es der Sache nach notwendig um Unschönes. Schließlich ist die Welt strukturiert durch die Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktionsweise, die auch noch die kleinste Nebensächlichkeit des Alltagslebens durchwirken. Um es mit einer abgedroschene Formel zu sagen: "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen" (Adorno). Sich über diese Welt Gedanken zu machen, ist etwas ganz anderes als freundliche Kontemplation. Die Gegenstände, die man sich vorlegen muss, sind brutal, und ebenso brutal muss die Analyse sein. Dem widerspricht ein Stil, der ein entspanntes Zurücklehnen suggeriert. Der web2.0 Einheitsstyle legt genau das nahe. Weiß ist natürlich eine schöne Farbe und nichts spricht dagegen, sie für einen Hintergrund zu benutzen, aber zusammen mit weichen Farbverläufen und Pastellfarben ist dem Weiß jegliche abstrakte Kälte genommen. Es wird weich gezeichnet. Schon dass die Schrift mit Vorliebe grau auf weiß gewählt ist, schwächt Kontraste. Wenn dann aber auch noch die Ecken abgerundet werden, ist das des Guten zu viel. Und wenn dann noch die typischen Web2.0-Logos auf der Seite auftauchen, die so wirken sollen, als ragte das Logo aus einer ruhigen Wasseroberfläche auf, in der es sich noch einmal ohne jegliche Verzerrung spiegelt, spätestens dann wird der Stil esoterisch. Damit wird dem Surfer eine Besinnlichkeit und Friedfertigkeit vorgespielt, die den Inhalten meist gar nicht angemessen ist. Zumindest bei dieser Seite, auf der ich darstelle, wie ich mein Leben in dieser Gesellschaft friste, und warum immer alles ganz viel mit Politik zu tun hat und ein Kampf ist, bleibt und bleiben muss, wäre verträumtes Ambiente wohl das letzte.
Und nur, damit keine Missverständnisse aufkommen. Ich meine damit nicht, dass das Lesen dem Surfer erschwert werden muss oder sollte. Webseiten, die neongrüne Schrift auf orangen Hintergrund drapieren, sind natürlich nicht die Lösung. Lesbarkeit bedeutet aber nicht Wohlfühl-Kur. Schlimm genug, dass so viele Menschen im Privatleben schon so zerstört sind, dass sie sich Entspannung um jeden Preis wünschen müssen und auch das Internet hauptsächlich als Ort zum kontemplativen Wellenreiten benutzen. Was ich sagen will, taugt nicht zur Kontemplation und soll auch nicht genossen werden. Vielleicht soll es manchmal ein bisschen witzig gefunden werden, aber auch das nur im Sinne von bösen Witzen. Wenn diese Seite allerdings in irgendeiner Weise zur Freude über die Welt taugt, dann ist das Projekt gescheitert. Damit das auf keinen Fall passiert, gibt es hier keinen Web2.0-Style.
